Interview GAIA-X: Eine europäische Stimme für die Cloud

„Deutschland ist in der Frühphase der Cloud-Transformation“, sagt Dr. Martin Endreß. „Gerade im Mittelstand laufen viele Anwendungen weiterhin im eigenen Serverraum.“ Wie GAIA-X Geschmack auf mehr machen kann, erklärt der Chief Customer Officer von IONOS im Interview mit eurocloud.de.

 

Herr Dr. Endreß, warum arbeitet der Mittelstand weiterhin nur zögerlich mit der Cloud?

Martin Endreß: Teils ist das Thema Cloud an sich zu komplex – es fehlt den Firmen an Fachkräften und Manpower. Teils überwiegen aber auch Bedenken – der Mittelstand will wissen, wo die eigenen Daten physisch liegen und was mit ihnen geschieht. Die Folge: Digitalisierungschancen werden vertan und volkswirtschaftliche Potenziale bleiben ungenutzt.

 

Wie helfen Sie als Cloud-Anbieter dem Mittelstand auf die Sprünge?

Endreß: IONOS ist ein klassischer Webhoster mit 10 Rechenzentren in Europa und über 5 Millionen Endkunden. Egal, ob Domains, E-Mails oder eben Cloud-Stacks – wir stellen alle Dienste hierzulande DSGVO-konform bereit und bieten unseren Kunden persönlichen Rund-um-die-Uhr-Support. Zwei entscheidende Argumente von vielen, mit denen wir Kunden überzeugen und die Komplexität der Technologie auflösen.

 

Jetzt kommt GAIA-X in Fahrt. Welche Rolle spielt das Projekt für IONOS?

Endreß: Wir engagieren uns in der Initiative, bringen unser Know-how ein und gehören zu den Day-One-Mitgliedern der GAIA-X AISBL, die sich just dieser Tage gründet. IONOS sieht GAIA-X als sinnvolles und notwendiges Projekt, um eine europäische Dateninfrastruktur zu schaffen. Eine Infrastruktur, die auf Basis hiesiger Werte und Standards für alle Akteure eindeutig regelt, wo Daten liegen, wem sie gehören und wie sie sich verarbeiten lassen.

 

Warum ist das so entscheidend?

Endreß: Egal, ob Fragen des geistigen Eigentums, Hersteller- und Wettbewerbsinteressen oder Sorgen um den Schutz personenbezogener Daten – aus vielen Gründen teilen Unternehmen ihre Daten nicht. Das soll sich ändern: Dazu schafft GAIA-X einen sicheren digitalen Raum, um Informationen gesamtwirtschaftlich souverän auszutauschen. Jeder, der in diesem Raum Daten mit anderen übergreifend teilt, soll von den digitalen Produkten und Services profitieren, die die Architektur möglich machen wird. Das bringt die Datenökonomie und den digitalen Binnenmarkt in Schwung.

 

Welches Know-how bringt IONOS in die Initiative ein?

Endreß: Wir arbeiten vor allem an den horizontalen Diensten mit und kümmern uns etwa um das Identity- und Access-Management (IAM). Darüber hinaus engagiert sich Rainer Sträter als Head of Global Platform Hosting bei 1&1 Internet im Architecture Board von GAIA-X.

 

Wie wichtig ist GAIA-X für Europa und Deutschland?

Endreß: Cloud Computing hat eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung. Daher braucht es eine politische und strategische Initiative wie GAIA-X, um Grundlagen zu schaffen und die Chancen nutzbar zu machen. Von der Infrastruktur- über die Plattform- bis zur Softwareebene müssen wir eigene Kompetenzen aufbauen und auf dem Nährboden von Datenintegrität und Datensouveränität wachsen lassen. Denn an dem Ort, an dem Daten entstehen, sollen sie auch reguliert werden.

 

Und was hat der Mittelstand davon?

Endreß: Die Chance auf Innovation! Egal, ob künstliche Intelligenz, autonome Systeme oder Industrie 4.0 – digitale Innovation braucht Daten. Daten, die GAIA-X gewissermaßen für alle Akteure im Ökosystem demokratisiert. Dazu setzt GAIA-X auf Interoperabilität, Open Source und Standards. Wollen Firmen im Ökosystem kooperieren, müssen sie beispielsweise nicht mehr projektweise prüfen, ob alle Vorgaben an den Datenschutz erfüllt sind. Das macht Firmen agiler. Und ermächtigt sie, ihre Daten und die Verwertung jederzeit selbstbestimmt zu kontrollieren.

 

Was kann da dem Erfolg von GAIA-X überhaupt noch im Weg stehen?

Endreß: Von Federation Services über Kataloge bis hin zum Identitätsmanagement – horizontal ist GAIA-X bereit sehr fortgeschritten. Vertikal bedarf es aber einer sehr genauen Zuspitzung auf den substanziellen Bedarf der Unternehmen. Nur dann, wenn sich die Firmen in den Use Cases wiederfinden, erlangt die Initiative breite Akzeptanz. Mit dem Erfolg von GAIA-X steigt die Komplexität selbst: Die Initiative muss Interessen sehr intelligent ausgleichen. Und das, ohne immer alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen.

 

Richtet sich GAIA-X am Ende nicht doch gegen die Konkurrenz aus Übersee?

Endreß: GAIA-X ist kein weiterer Hyperscaler. Es gibt ja bereits europäische Cloud Anbieter wie OVH, die Deutsche Telekom und IONOS. Es geht vielmehr um eine intelligente und verteilte Datenarchitektur, die offen, sicher und transparent ist. Insofern steht GAIA-X für ein anderes, europäisches Cloud-Modell, bei dem die Nutzer beweglich bleiben und sich nicht an einen Anbieter binden. Das Beispiel GDPR hat doch deutlich gemacht, dass Europa in der Cloud-Welt gehört wird, wenn es mit einer Stimme spricht. Einer Stimme, die sich jetzt bei GAIA-X wieder selbstbewusst erheben sollte.

 

Wir danken für das Gespräch!

 
Zur Person
Dr. Martin Endreß ist Chief Customer Officer von IONOS. In dieser Funktion verantwortet er das Bestandskundenmanagement. Darüber hinaus steuert er den Vertrieb von IONOS cloud. Endreß hat über 15 Jahre Erfahrung in B2C und B2B Marketing und Vertrieb. Er startete seine Karriere bei Microsoft und bei der Boston Consulting Group. Von 2014 bis 2019 war er in verschiedenen Management Funktionen bei E.ON tätig. Endreß promovierte an der Universität Köln im Bereich politische Ökonomie. Davor schloss er sein Studium an der London School of Economics und der LMU München ab.

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