EuroCloud Deutschland startet Initiative für IT-Unternehmer:innen von morgen

Die Cloud boomt, überall fehlen IT-Fachleute, der digitale Wandel ganzer Wirtschaftszweige heizt den Bedarf nach professioneller Hilfe an. Eigentlich beste Voraussetzungen für IT-Dienstleister. Im Interview erklären Gründer und Berater Benedikt Kisner zusammen mit den EuroCloud-Vorständen Bernd Krakau und Felix Höger, warum die Nachfrage viele IT-Anbieter aus dem Mittelstand in einer sensiblen Phase trifft und welche IT-Unternehmer gerade zwischen allen Stühlen stehen.

eurcloud.de: Vor welchen Herausforderungen stehen IT-Dienstleister aktuell in Deutschland?

Bernd Krakau: Für viele IT-Dienstleister tickt die Uhr: Sieben von zehn Geschäftskunden sind schon in der Cloud. Aber als wichtigster Ansprechpartner in Sachen IT können der Provider, das Systemhaus oder die Beratung des Vertrauens selbst bei einfachen Fragen zu AWS, Azure & Co. nicht liefern. Der IT-Service-Markt ist praktisch zweigeteilt: Die großen Systemhauskonzerne verstärken ihre Cloud-Kompetenz durch Aufbau eigener Fachabteilungen oder anorganisch durch Käufe und Beteiligungen. Kleine und mittlere Anbieter tun sich dagegen noch schwer mit der Cloud-Transformation.

Womit hat der Mittelstand der Branche zu kämpfen?

Felix Höger: Vordergründig liegt es am Personalmangel. Im Wettbewerb um Cloud-Expert:innen haben kleinere Provider eben oft das Nachsehen. Aber es gibt auch finanztechnische Gründe: der Wechsel des Geschäftsmodells. Der Umstieg von Integrationsleistungen und dem Handel mit Lizenzen und Hardware hin zu Managed Services kostet für Jahre erst einmal Geld, bevor er welches bringt. Hier verfügen die Platzhirsche im Markt über größere Reserven.

Wie wirkt sich das auf den IT-Service-Markt aus?

Benedikt Kisner: Wir beobachten eine extreme Marktkonsolidierung. Es vergeht gefühlt keine Woche ohne bemerkenswerte Transaktionen in Form von Aufkäufen oder Fusionen. Große Provider und Investoren verleiben sich kleinere IT-Dienstleister ein oder formen mehrere von ihnen zu neuen IT-Service-Konzernen. Am Ende des Jahrzehnts wird es deutlich weniger IT-Dienstleister im deutschen Markt geben.

Diese Strategie haben Sie auch für Ihr eigenes Systemhaus, die netgo Gruppe, verfolgt, das sie 2007 gegründet und 2019 verkauft haben.

Kisner: Das ist richtig. Ich bin überzeugt, dass es für kleine und mittelständische Anbieter immer schwerer wird, sich im Markt zu behaupten. Ansätze zur Standardisierung und Automation von IT-Diensten setzen auf Größenvorteile. Wer Kunden die ganze Bandbreite an Services bieten will, muss wachsen, um wettbewerbsfähig zu sein. Das war auch die Strategie für das Unternehmen, das ich gegründet habe. Die Alternative ist, sich konsequent auf Nischenthemen zu spezialisieren. Dazwischen bleibt nicht viel. Darum stehen jetzt viele kleine und mittlere Provider am Scheideweg. Und die Demografie verschärft das Problem.

Inwiefern ist das Alter eine Frage beim Wandel?

Kisner: Neben dem Strukturwandel durchläuft die IT-Branche auch noch einen Generationswechsel: Viele Provider aus dem IT-Mittelstand sind Gründungen aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Ihre Inhaber:innen kommen jetzt ins Rentenalter und wollen gerne einen Gang zurückschalten. Was sollen sie tun? Ihre Erfahrung würde eigentlich jetzt am dringendsten gebraucht. Sollen Sie noch eine Weile am Ruder bleiben und die Transformation zu Managed- & Cloud-Service selbst einleiten? Schließlich wollen Sie ihr Geschäft bestmöglich aufgestellt an ihre Kinder oder andere Nachfolger:innen übergeben. Andere zögern die Transformation hinaus, weil sie die Auswirkungen auf ihre Bilanz fürchten. Sie fragen sich, ob ihr altes Stammgeschäft auch die letzte unternehmerische Phase noch trägt.

Trotzdem starten Sie, Herr Kisner, jetzt mit EuroCloud Next Leaders ein Forum speziell für Unternehmer:innen und Geschäftsführer:innen von morgen, also die nächste Generation. Warum?

Kisner: Weil es besonders auf die neue Generation ankommt. Aber sie steht zwischen allen Stühlen: Die Gründer:innen wollen lieber noch ein paar Jahre am Ruder bleiben und zögern den Umbau des Geschäfts aus unterschiedlichen Gründen hinaus. Gegenwind kommt auch aus der Belegschaft. Der Vertrieb etwa will nicht auf Ad-hoc-Provisionen aus dem Projekt- und Handelsgeschäft verzichten. Bei vertragsgebundenen Geschäftsmodellen fließen Boni nicht sofort zu, sondern über die Laufzeit. Die übrige Belegschaft fürchtet um ihre Arbeitsplätze, weil Cloud- und Managed-Services andere fachliche Kompetenzen erfordern. Und selbst viele Kund:innen aus dem Mittelstand sagen: „Wir haben unsere IT so wie unsere Maschinen immer gekauft. Wir zahlen alles cash, Kredite oder Mietmodelle mögen wir nicht.“ Sich als Nachfolger:in etwa im Familienbetrieb beweisen zu müssen, ist schon schwer genug. Wer dann gleich noch das ganze Geschäftsmodell auf den Kopf stellen will, steht schnell allein da.

Warum wendet sich EuroCloud Next Leaders exklusiv an den Nachwuchs auf Geschäftsführungsebene?

Krakau: Bei uns sollen Unternehmer:innen von morgen wirklich auf Gleichgesinnte treffen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Hier knüpfen Sie Netzwerke zu anderen und erhalten Zugang zu Cloud-Expert:innen und Wissensträger:innen aus unserer Branche. Das möchten wir nicht mit Fragen vermischen, mit denen eher Führungskräfte auf Abteilungs- und Teamebene konfrontiert sind.

Was unterscheidet Sie als Verband von Beratungs- und Weiterbildungsangeboten für diese Zielgruppe?

Krakau: Wir bieten keine kommerzielle Beratung, sondern ein anbieterneutrales Forum. Hier finden Nachwuchs-Unternehmer:innen vorwettbewerblich Inspiration, Wissen und Kontakte. EuroCloud Next Leaders ermöglicht zudem interessante Synergien mit unseren anderen Initiativen, etwa im Bereich Systemhäuser und Cloud Natives. So vermitteln die EuroCloud Natives direkte Kontakte zu spezialisierten Cloud-Native-Start-ups.

Welchen Beitrag zur Transformation leisten Kontakte zu Cloud Natives? Müssen etablierte IT-Dienstleister da keine Konkurrenz fürchten?

Höger: Im Gegenteil! Solche Partnerschaften helfen klassischen IT-Dienstleistern schnell lieferfähig zu werden in Sachen Hyperscalern. Cloud-Native-Provider steuern zu solchen Kooperationen technische Spezialkenntnisse zu Microservices, Container-Technologien und agilen Entwicklungsmethoden bei. Der IT-Dienstleister bringt den Kundenkontakt ein. Beide Partner ergänzen sich ideal in Cloud-Projekten. Es gibt keinen Zielkonflikt mit dem Delivery-Modell eines normalen Providers oder Systemhauses, sprich Verkauf, Integration und Betrieb. Keine versteckte Agenda, kein Abwerben von Kund:innen, weil beide Partner unterschiedliche oder komplementäre Leistungen bieten.

Wann startet EuroCloud Next Leaders?

Kisner: Das Kick-off-Treffen für die EuroCloud Next Leaders findet am 25. Januar 2023 in Oberhausen statt. Unser Programm folgt bereits dem Skript, das Bernd Krakau skizziert hat: So schildert Sebastian Thies die persönliche Geschichte seines unternehmerischen Generationenwechsels. Dazu gibt Honorarprofessor und Coach Dr. Volker von Courbière Einblick in die Sichtweisen der verschiedenen Rollen und zeigt, welche Emotionen bei einer Führungsübergabe im Spiel sind. Schließlich beleuchtet Branchenexperte Marc Sundermann, wie sich die Migration zu Managed & Cloud Services auf die Finanzlage und den langfristigen Unternehmenswert auswirken. Den Rahmen für Austausch und geselliges Networking liefert die Indoor-Range von Topgolf in Oberhausen.

Wir danken für das Gespräch!

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