Der Schlüssel zum Erfolg liegt für Service Provider im Ökosystem

Generative Künstliche Intelligenz wird für Service Provider die Spielregeln im Markt verändern. Wenn sie die Potenziale, die die Technologie birgt, erschließen wollen, müssen sie stärker als bisher in Ökosystem-Ansätzen denken und agieren. Das war eine wesentliche Erkenntnis des Service Provider Summit 2024, der unter aktiver Beteiligung von eco und EuroCloud stattfand.

Die KI-Revolution wird auch das Geschäft der Service Provider tiefgreifend verändern. Welche Herausforderungen sich den Dienstleistern dabei stellen, welche Chancen sich ihnen bieten, damit setzten sich die Teilnehmer des 13. Service Provider Summit (SPS) auseinander. „Unlocking the Digital Future: Service Providers Drive Innovation“, war die Veranstaltung überschrieben, die vergangene Woche auf dem Petersberg bei Bonn stattfand. Der eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. trug gemeinsam mit EuroCloud Deutschland zu mehreren Sessions bei.

Eine Einsicht zog sich durch nahezu alle Vorträge und Diskussionen: Service Provider werden nicht in der Lage sein, das Potenzial, das generative Künstliche Intelligenz („GenAI“) birgt, allein aus eigener Kraft zu erschließen. Sie sind dafür auf die Zusammenarbeit mit anderen Markteilnehmern, die über komplementäre Skills verfügen, angewiesen. Zu den Kooperationspartnern zählen Entwickler, SaaS-Anbieter, Cloud-Natives, Distributoren, Beratungshäuser, Branchenspezialisten etc. Intelligente Lösungen entstehen in kollaborativen Ökosystemen.

Der Service Provider Summit fand in diesem Jahr zum 13. Mal statt. Wie bereits im Vorjahr bildete das Hotel Petersberg bei Bonn, das Gästehaus der Bundesrepublik Deutschland, die Kulisse für das Event. (Fotos: Manuel Emme)

Letztlich dreht sich für Service Provider alles darum, die komplexer werdenden Anforderungen ihrer Kunden zu erfüllen. Wenn sie Unternehmen dabei helfen wollen, ihre Produktivität mithilfe von KI zu erhöhen und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, müssen die Dienstleister ihre Fähigkeiten weiterentwickeln. Die Bereitstellung von Infrastruktur, traditionell eine Kernleistung von Service Providern, wird dafür nicht ausreichen. Bei KI stehen Anwendungen und Daten im Vordergrund. Infrastruktur wird dagegen immer mehr zur Commodity.

Digitale Wertschöpfung

Wie groß das Potenzial für KI-Lösungen ist, zeigte Andreas Weiss, Geschäftsführer bei eco, in seiner Keynote zu „Datenökosystemen und der Rolle der Cloud-Wirtschaft“ auf. 330 Milliarden Euro könne GenAI künftig zu Bruttowertschöpfung in Deutschland beitragen, indem Unternehmen „ihre Produkte und Dienstleistungen durch Softwareservices wettbewerbsfähig machen“. Allerdings dränge die Zeit: Wer jetzt nicht damit beginne, digitale Verfahren zu etablieren und die dazu notwendigen Kompetenzen aufzubauen, werde im internationalen Wettbewerb mit erheblichen Herausforderungen zu kämpfen haben. Ein „Weiter so“ sei keine Handlungsoption. „Wir müssen in Europa eigene digitale Wertschöpfung erzielen und gestaltungsfähig werden.“

Auf eine weitere spannende Entwicklung machte Weiss aufmerksam: Die Cloud wird zunehmend dezentral. Weil im Zuge der Digitalisierung die Zahl der Echtzeit-Anwendungen in der Industrie stark zunimmt, werden mehr und mehr Daten nahe dem oder direkt am Ort ihrer Entstehung verarbeitet. Dafür werden mehr Rechen- und Speicherressourcen an der Edge und damit mehr dezentrale Rechenzentren in den Regionen benötigt. Auch darin liegt eine Chance für Service Provider.

Vom Infrastructure Provider zum Solution Provider

Besonders deutlich sprach Daniel Hagemeier, CEO bei group.one, die Erkenntnis aus, dass Infrastrukturdienste den Kunden allein keinen Mehrwert liefern. Der Klientel des Web und Cloud Hosting Providers, zu der überwiegend kleine Unternehmen zählen, sei nicht primär an einer technischen Leistung gelegen, betonte der Cloud-Experte in seinem Impulsstatement „Outcome as a Service: Die neuen Bedürfnisse unserer SMB-Kunden“. Vielmehr gehe es den Small and Medium Sized Businesses um intelligente Lösungen, mit denen sie Geschäftsprozesse effizienter und besser abwickeln können. Kunden würden Provider künftig daran messen, welchen Business-Nutzen sie durch deren Services erzielen.

Hagemeier hatte die Mitglieder der Hosting Community schon vor fünf Jahren ermuntert, sich vom Infrastructure Provider zum echten Service Provider zu wandeln. Nun ging er noch einen Schritt weiter und legte ihnen die Metamorphose zum Solution Provider nahe. Group.one selbst werde sich zum SaaS-Anbieter weiterentwickeln. Zugleich plädierte der Manager dafür, den SPS in Solution Provider Summit umzubenennen.

Multipolare Bedrohungslage

Man müsse Regionalisierung anstelle von Globalisierung als Chance begreifen, betonte auch Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker, Research Director des cyberintelligence.institute. Es sei nicht sinnvoll, jeden Dienst auf einer weltweit skalierbaren Hyperscaler-Infrastruktur zu betreiben. Lösungen „made in Europe“ in hoher Qualität zu entwickeln, erfordere aber „zwangsläufig auch monetären Einsatz“. In seiner Keynote zum „Neuen Zeitalter der IT-Herausforderung“ wies der Jurist und Cybersecurity-Experte auf die „multipolare Bedrohungslage“ hin, der die europäische Wirtschaft zunehmend ausgesetzt ist. Dabei führte er aus, was Politik und Behörden tun beziehungsweise schon auf den Weg gebracht haben, um der Situation zu begegnen, etwa die Network and Information Security Directive (NIS2) und den Cyber Reslience Act (CRA). Kipker ging aber auch darauf ein, wie Unternehmen selbst ihre Widerstandskraft gegen Cybergefahren erhöhen können. „Digitale Resilienz ist ein zentraler europäischer Wert!“

Dass europäische Provider in der Lage sind, einen Beitrag zur digitalen Wertschöpfung in Europa zu leisten, wurde beim Panel mit dem Titel „Get Ready for the NextGen Cloud Provider!“ deutlich. Zu diesem Thema diskutierten Ingo Kraupa, CEO bei noris network, Jens Domicke, COO bei enthus, Andreas Braidt, COO und Co-CEO bei synaforce, sowie Dr. Nils Kaufmann, CEO bei vshosting DACH und Vorstand EuroCloud. Die vier Provider unterstützen ihre Kunden zwar dabei, Services der Hyperscaler zu nutzen. Zugleich stellen sie aber auch auf eigenen Infrastrukturen maßgeschneiderte Dienste bereit, die sich an den spezifischen Anforderungen der Kunden orientieren. Ein Geschäftsmodell, das allein darauf beruht, Support und Services rund um die hochstandardisierten Portfolios der Hyperscaler zu erbringen, hält Kraupa für keine Option. „Wer als Provider keine eigene Infrastruktur mehr betreibt, wird es auf lange Sicht schwer haben.“

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