29.04.2019

Frauen in der Tech-Branche

Es gibt tausende gute Gründe, warum die Internetwirtschaft weibliche Verstärkung braucht. Schließlich stehen zahlreiche Jobangebote dem Fachkräftemangel gegenüber oder aber homogene Teams und Denkweisen Innovationen im Wege. Die Digitalbranche boomt, täglich entstehen neue digitale Geschäftsmodelle und schaffen lukrative Jobs, doch die lassen sich Frauen noch zu häufig entgehen. Wir wollen das ändern. In unserer Serie „Frauen in der Tech-Branche“ kommen inspirierende weibliche Fach- und Führungskräfte der Internetbranche zu Wort. Dabei sprechen wir über die wirklich wichtigen Themen: von Entwicklungsperspektiven über Karrieretipps und Zukunftswünsche bis hin zu den Herausforderungen in einem männerdominierten Arbeitsumfeld und warum Arbeit in der Internetbranche Spaß macht. Dieses Mal mit Dr. Yvonne Bernard, Head of Product Management, Hornetsecurity GmbH.

 

Was steht auf Ihrer Visitenkarte?

Dr. Yvonne Bernard: Head of Product Management, Hornetsecurity GmbH

 

Das klingt so spannend, dass ich mich direkt auf Ihren Job bewerben möchte. Was würde mich als Head of Product Management bei Hornetsecurity im Arbeitsalltag erwarten?

Bernard: In jedem Fall eine sehr abwechslungsreiche Tätigkeit: kein Tag ist wie der andere. Im Produkt-Management arbeiten wir in und mit interdisziplinären Teams. Dort vereinen sich Design, Technische Redaktion, Projektmanagment und Testautomatisierung. Allein das ist eine große Bandbreite verschiedener Tätigkeiten, die sich aber mit einem gut eingespielten Team prima organisieren lassen. Gerade die Planung und Koordination der verschiedenen parallelen Entwicklungsprojekte für alle Produkte – von der groben Idee oder Strategie über Spezifikationen bis zum Rollout in der Cloud – erfordert eigentlich täglich Abstimmungen und Entscheidungen. Sie sollten daher auf jeden Fall Spaß dran haben, schnell zwischen Themen zu wechseln. Das heißt, zum Beispiel erst mit der Marketingbrille auf ein neues Thema „draufzuschauen“ und das Thema dann bis hinunter auf die Systemarchitektur begleiten zu können und zu wollen. Sie sollten Spaß an Kommunikation haben und sich dabei gut auf Ihr Gegenüber einstellen können – von Marketing bis Softwareentwicklung.

 

Ihre Karriere ist schon sehr beeindruckend. Wenn Sie eine Frau beliebigen Alters als Mentorin um einen Tipp bitten würde: Was würden Sie raten? Kennen Sie Stolpersteine und/oder Erfolgsmethoden?

Bernard: Ganz generell und nicht nur auf Frauen bezogen würde ich raten: Finde das, was dir Spaß macht. Wenn du dich für ein Thema richtig begeisterst, dann strahlst du das auch aus und motivierst dadurch dich und andere automatisch.

 

Vielen Dank. Wenn Sie selbst eine beliebige, weibliche Persönlichkeit (gerne aus der Tech-Branche) – egal ob lebendig oder tot – treffen dürften: Wer wäre es und warum?

Bernard: Ada Lovelace. Die vor über 200 Jahren geborene „erste Computer-Programmiererin“ wird von vielen Initiativen als Vorbild genutzt, um Frauen und Mädchen für MINT-Berufe zu begeistern. Als Frau hatte sie damals nicht einmal Zutritt zur Bibliothek. Ihre wissenschaftlichen Leistungen wurden zu dieser Zeit kaum anerkannt, waren aber aus heutiger Sicht visionär und fundiert zugleich.

 

Wir geben Ihnen jetzt mal einen anderen interessanten Job und machen Sie zur Chefredakteurin eines Leitmediums – egal ob Bild oder FAZ: Welche Schlagzeile würden Sie zum Thema „Diversity/Frauen in der Tech-Branche“ im Aufmacher-Artikel veröffentlichen? Und was soll in dem Artikel stehen?

Bernard: Auch wenn ich lieber FAZ als Bild lese: „Fake News Gender Pay Gap“.

Die verbreiteten 21 Prozent, die Frauen angeblich weniger verdienen als Männer, sind auf einer sehr vereinfachten Berechnungsgrundlage entstanden, aber dennoch die Basis für arbeitspolitische Entscheidungen in Deutschland. Frauen arbeiten öfter in schlechter bezahlten Berufen, in Teilzeit und nehmen mehr Elternzeit als Männer. Wenn diese Faktoren rausgerechnet werden, ist man bei etwa 6 Prozent bereinigtem Lohnunterschied. Mir wäre es lieber, wenn auf dieser korrigierten Basis Maßnahmen abgeleitet würden – beispielsweise um den sogenannten Thomas-Kreislauf* zu durchbrechen. Ich möchte mir als Frau ja sicher sein, dass ich aufgrund meiner Leistungen auf einer Position bin und nicht aufgrund extern vorgegebener Quoten.

 

Beim letzten Mal haben wir Mareike Jacobshagen, Marketing Manager beim Rechenzentrums-Betreiber Interxion, getroffen. Sie hat uns folgende Frage für Sie mitgegeben: Was muss aus ihrer Sicht getan werden, um mehr Frauen zum Informatikstudium zu bewegen und für technische Berufe zu begeistern?

Bernard:  Die öffentliche Wahrnehmung der Informatik ist leider oft sehr abstrakt und gar nicht so vielseitig und anwendungsnah wie die Disziplin eigentlich ist. Berichte wie „The woman behind the first Black Hole Image“ der BBC helfen, die Informatik als spannende Disziplin wahrzunehmen, davon würde ich gern mehr auch in Deutschland lesen. Die sogenannten „Bindestrich“-Informatikstudiengänge (z. B. Medizin-Informatik, Medien-Informatik)  haben oftmals höhere Frauenquoten, vielleicht weil das Ziel des Studiengangs hier deutlicher im Fokus ist und angewandter wirkt. Daher können auch die Informatikstudiengänge an ihrem Image arbeiten, um für Frauen attraktiver zu wirken, ihr Marketing also auch auf diese Zielgruppe ausrichten.

Auch im Elternhaus kann Interesse an Technik frühzeitig aktiv gefördert werden. Mein Patenkind ist mit ihren Eltern z. B. oft auf techniknahen Messen oder darf mit dem 3D-Drucker oder der Lötstation unter Anleitung und Hilfestellung kleine eigene Projekte verwirklichen. Letztlich könnte ich mir auch vorstellen, dass Informatik als Schulfach früher im Curriculum helfen würde, Hürden gar nicht erst entstehen zu lassen und die Neugierde für diese spannende Disziplin frühzeitig zu wecken.

 

Für unsere Interview-Reihe „Frauen in der Tech-Branche“ treffen wir beim nächsten Mal Maren Böger aus der HR-Abteilung von eyeo. Welche Frage sollen wir ihr stellen?

Bernard: Neben der offensichtlichen Frage – wie eyeo einen hohen Frauenanteil bis ins Top-Management erreicht hat – würde mich auch interessieren, wie und wo eyeo Mitarbeiter aus dem Open-Source-Bereich erfolgreich adressiert.

 

*Anmerkung der Redaktion: Der Thomas-Kreislauf steht für das Phänomen, dass die deutsche Vorstandsriege sehr homogen geprägt ist. Dies sei auf den Faktor zurückzuführen, dass im Recruiting nach dem Ähnlichkeitsprinzip verfahren werde. So das Ergebnis des Allbright-Berichts 2017. Die häufigsten Vornamen unter deutschen Vorständen sind Thomas und Michael, es ist daher viel wahrscheinlicher einen Thomas im Vorstand anzutreffen als eine Frau.
Frauen in der Tech-Branche 6