14.10.2019

Frauen in der Tech-Branche

Es gibt tausende gute Gründe, warum die Internetwirtschaft weibliche Verstärkung braucht. Schließlich stehen zahlreiche Jobangebote dem Fachkräftemangel gegenüber oder aber homogene Teams und Denkweisen Innovationen im Wege. Die Digitalbranche boomt, täglich entstehen neue digitale Geschäftsmodelle und schaffen lukrative Jobs, doch die lassen sich Frauen noch zu häufig entgehen. Wir wollen das ändern. In unserer Serie „Frauen in der Tech-Branche“ kommen inspirierende weibliche Fach- und Führungskräfte der Internetbranche zu Wort. Dabei sprechen wir über die wirklich wichtigen Themen: von Entwicklungsperspektiven über Karrieretipps und Zukunftswünsche bis hin zu den Herausforderungen in einem männerdominierten Arbeitsumfeld und warum Arbeit in der Internetbranche Spaß macht. Diesmal mit: Dr. Bettina Horster, Vorstand VIVAI Software AG.

 

Was steht auf Ihrer Visitenkarte?

Dr. Bettina Horster: Vorstand Business Development

 

Wenn ich mich auf Ihren Job bewerben möchte, was würde mich im Arbeitsalltag erwarten? Und was muss ich für den Job unbedingt mitbringen?

Horster: Lust auf Innovationen und gaaaaanz viel Flexibilität. Obgleich wir natürlich vieles planen, kommt es doch oftmals ganz anders. Ich liebe es, mit Menschen zu kommunizieren und Informationen auszutauschen, darin sollte mein Nachfolger oder Nachfolgerin auch gut sein.

Besonders wichtig ist mir zudem eine wertschätzende Haltung gegenüber unseren Mitarbeitern und Kunden.

 

Mit VIVAI Software leiten Sie das Verbundprojekt Smart Service Power, das Menschen im Alter ermöglicht, länger im eigenen Zuhause zu wohnen. Technologie zum Wohl der alternden Bevölkerung einzusetzen, ist eines Ihrer zentralen Themen. Wie helfen digitale Technologien denn konkret helfen?

Horster: Ich bin überzeugt, dass die IT die Lösung des demographischen Wandels und des Pflegenotstands ist und daher brenne ich total für dieses Thema. Wissen Sie, was ihre Eltern oder Großeltern gerade in ihrer Wohnung machen? Vielleicht geht es ihnen gar nicht so gut – im schlimmsten Fall ist die Mutter oder der Vater gestürzt. Natürlich gibt es bereits heute Systeme, die bei einem Notruf reagieren, aber reicht das aus? Sind wir doch mal ehrlich: Sind wir in einer Gefahrensituation überhaupt noch in der Lage, einen Notrufknopf zu drücken? Neuere und bessere Lösungen sind beispielsweise Sensoren im Boden, die eine Alarmierungskette automatisch auslösen, wenn ein Bewohner gestürzt ist. Technik ist eine Lösung zu mehr Autonomie.

Viele Notfälle kommen schleichend daher oder kündigen sich schon länger an: Der Bewohner bemerkt es aber nicht oder verdrängt es. Eine Menge Geräte des täglichen Gebrauchs sind mittlerweile „connected“ und können dazu verwendet werden zu erkennen, ob der Tagesablauf in gewohnten Bahnen verläuft, oder ob Unterstützungsbedarf vorliegt. Eine WLAN-Zahnbürste kann insofern sinnvoll sein, indem das Monitoring über die tägliche Verwendung Aufschluss darüber gibt, ob alltägliche Dinge noch bewältigt werden oder nicht. Das Zeitalter der Sensorik hat gerade erst begonnen. Es gilt die vielen verschiedenen Sensoren in einem einzigen offenen System zu integrieren. Dies hilft uns, Daten aus vielen verschiedenen Lebensbereichen zusammenzufassen, zu analysieren und zu bewerten.

 

Wenn Sie eine Frau beliebigen Alters um einen Karrieretipp bitten würde: Was würden Sie ihr raten?

Horster: Jeder sagt: „Sei authentisch“. Doch daraus ergibt sich gleich die Frage: Was heißt das denn überhaupt? Ich würde sagen, dass man vielleicht einen Tick selbstbewusster auftreten sollte, als einem eigentlich lieb ist und damit die Komfortzone verlässt. Und ganz wichtig: Einfach mal machen, ohne immer an die Konsequenzen zu denken. In den meisten Fällen kommt es sowieso anders als man denkt – wieso sollte man sich also mit Bedenken quälen?

 

Sie selbst sind studierte Informatikerin. Haben Sie Ideen, wie man Mädchen für MINT begeistern kann?

Horster: Es gibt sehr viele Initiativen in diesem Bereich. Ich selber habe mich viele Jahre für den Girls Day stark gemacht. Das war manchmal leider recht ernüchternd. Aber die Anzahl der Frauen in MINT steigt, wenn auch nur langsam. Ich bin überzeugt, wenn einmal die kritische Masse erreicht ist, wird es einfacher werden.

 

Sie haben auf einer MINT-Fachtagung einen Vortrag mit dem Titel „Industrie 4.0 – neue Werte für die Arbeitswelt. Interkulturell, qualifiziert, wählerisch – Frau 4.0“ gehalten und die These vertreten, dass Frauen von der Arbeitswelt 4.0 profitieren. Inwiefern profitieren Frauen denn konkret und warum sollten sich Frauen für die IT-Branche entscheiden?

Horster: Ich begleite seit vielen Jahren junge Frauen im Mentoring. Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist schon immer ein Dauerbrenner. Ich sage immer, dass es kein besseres Berufsfeld für Frauen gibt als die Informatik. Zum einen ist es immer schon ein Mangelberuf. Sie werden in dem Bereich immer einen Job finden. Ganz gleich, ob Sie männlich oder weiblich sind. Zum anderen sind Arbeitgeber aufgrund des Fachkräftemangels sehr großzügig. Ich kenne eigentlich kein Softwareunternehmen, das keine Telearbeitsplätze anbietet und sich bei der Arbeitszeit nicht flexibel zeigt. Als Arbeitnehmer müssen sie nicht unbedingt physisch anwesend sein, um ihre Arbeit zu erledigen. Dies ist insbesondere für Mütter ein echter Vorteil. Ich war immer nachmittags für meine Kinder da. Dies zeigt doch sehr deutlich, dass die Informatik ein idealer Frauenberuf ist. Wir müssen es den jungen Frauen bloß viel deutlicher machen.

 

2015 wurden Sie als Entrepreneure of the Year ausgezeichnet, aktuell sind Sie für den WIN-Award (Womens IT Networks) in der Kategorie Business Innovation nominiert. Was bedeuten solche Auszeichnungen Ihnen persönlich?

Horster: Ich freue mich, dass man meine Arbeit und meine Person würdigt. Für mich war es immer wichtig, Engagement und eine ganz klare Position zu zeigen. Ich bin viel ehrenamtlich unterwegs – ob in Branchenverbänden wie dem eco, in Organisationen, die Frauen stärken (Mentoring KIM – Kompetenz im Management, Dortmunder Forum für Frauen in der Wirtschaft), regionalen Initiaitven (GFS Gesellschaft für den Strukturwandel) oder auch international für den Diplomatic Council, der eine NGO der Vereinten Nationen ist. Ich bin auch noch im Digitalbeirat des Landes NRW und berate unseren Wirtschafts- und Digitalminister. Dafür setze ich viel Kraft und Zeit ein. Ich finde es gut, wenn dies auch öffentlich anerkannt wird.

 

Wir geben Ihnen jetzt mal einen weiteren interessanten Job und machen Sie zur Chefredakteurin eines Leitmediums – egal ob Bild, Die Zeit oder FAZ: Welche Schlagzeile würden Sie zum Thema „Diversity/Frauen in der Tech-Branche“ im Aufmacher-Artikel gerne lesen? Und was soll in dem Artikel stehen?

Horster: „Die Anzahl der weiblichen Studierenden in den MINT Fächern liegt bei über 50 Pozent“. Das fände ich wirklich schön.

 

Welche drei Eigenschaften braucht eine gute Führungskraft im digitalen Zeitalter?

Horster: Flexibilität, gute Menschenkenntnis, Optimismus, gute Laune und viel Sinn für Freude! Bei uns gibt es den Leitspruch: Gute Laune macht gute Projekte!

 

Stichwort: Diversity. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Erfolgsformel zur Zusammensetzung von Teams? Und welche Rolle spielt Vielfalt bei der Besetzung von Teams?

Horster: Das ist eine meiner liebsten Fragen! Zu einem guten Team braucht es immer einen guten Mix aus Männern, Frauen, Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer, gemischter Alterstrukturen und so weiter. Ich verweise bei der Bildung von High-Performance Teams gerne auf das Buch von Prof. Heike Bruch, Universität St. Gallen. Demnach braucht  ein gutes Team einerseits einen Technologietreiber, andererseits einen Star, aber auch nur einen, denn Stars sind manchmal wie Sheldon Cooper von der TV Serie „Big Bang Theory“ und wissen, dass sie die Besten sind. Daneben noch einen »Happy Bear« vielleicht nicht ganz so genial, aber teamfähig und nett. Er fördert vor allem den Zusammenhalt und das Wohlbefinden im Team. Ich lasse gerne den anderen den Vortritt immer die Besten einzustellen. Bei uns ist das Team der Star.

 

Wie leben Sie Diversity innerhalb Ihres Unternehmens?

Horster: Anders als viele IT-Unternehmen sprechen wir nicht über Diversity – denn wir sind es. Wir haben einen hohen Frauenanteil. Von fünf Führungskräften sind zwei Frauen, bei uns arbeiten junge und ältere Kollegen, Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern und mit unterschiedlichster sexueller Orientierung. Wir haben schon mehrere Preise für unsere Diversity erhalten.

 

Dr. Laura Dornheim, Head of Communication bei eyeo, hat uns folgende Frage für Sie mitgegeben: Wann sind Sie sich Ihrer eigenen Privilegien bewusst geworden und wie prägt Sie diese Erfahrung?

Horster: Ich war auf einer Veranstaltung und ein paar junge Frauen fragten mich, ob sie ein Selfie mit mir machen könnten. Das hat mich echt sprachlos gemacht.

Ich habe keine Privilegien im Unternehmen. Ich sitze nicht im Einzelbüro, sondern teile es mit einer Mitarbeiterin. Bei uns gibt es ein sehr angeglichenes Gehaltsniveau. Ich würde mir im Unternehmen niemals etwas zugestehen, das ich nicht anderen auch gewähren würde.
Ansonsten lebe ich natürlich sehr privilegiert in einem schönen Land mit Frieden und Wohlstand.  Meine persönliche Privilegien – ich habe einen tollen Mann und zwei super Töchter.

 

Wir möchten gerne auch Ihre Aspekte und Fragen in die Diversity-Debatte einbringen. Welche Frage möchten Sie uns für die nächste Interview-Partnerin mitgeben?

Horster: Wann hatten Sie persönlich den Eindruck, dass Sie Nachteile gegenüber Männern im Job hatten?

 

Lieben herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Interview, Frau Dr. Horster!

 

Für unsere Serie Frauen in der Tech-Branche suchen wir weitere spannende Interview-Partnerinnen. Kontaktieren Sie uns gerne bei Interesse. Weitere Informationen zum Thema Frauen in der Tech-Branche finden Sie in unserer Pressemitteilung und bei unserer Kompetenzgruppe New Work

Mehr zu unserem Netzwerk #LiT Ladies in Tech Wenn Sie sich gerne aktiv in unserer Netzwerk einbringen möchten, schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an: hanna.vonderau@eco.de

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